Adventskalender · Post von Gästen

Tinder & Freundschaft: Ein Versuch.

Wer kennt sie nicht: Die vielleicht alles entscheidende Frage “Warum tinderst du?”, die man selbst oder der Match-Partner früher oder später stellt, um die vermeintlichen Fronten zu klären. Doch machen wir uns nicht manchmal selbst etwas vor?

Vor vier Monaten bin ich aus beruflichen Gründen in die Schweiz gezogen. Kaum angekommen, war eine meiner ersten online Aktivitäten, mein Tinderprofil anzupassen und die hiesigen Herren der Schöpfung zu begutachten. „Nur mal gucken“, sagte ich zu mir selbst – eine Antwort, die ich auch schon von vielen Tinder-Herren erhalten habe. Das sagte ich auch schon zu mir, als ich vor gut anderthalb Jahren zum ersten Mal die App geöffnet habe. Einige Dates später, wurde auch mir klar, dass ich in die Tinder-Falle getappt war, die den klitzekleinen Funken Hoffnung, Mr. Right vielleicht doch online zu finden, erhielt. Bisher erfolglos. Warum? Weil, wie schon die verschiedensten Tinder-Kolumnen erkannt haben, wir uns nicht mehr auf Personen einlassen. Zu oberflächlich, dieses rechts-links-Wischen. Und eine mangelnde Bereitschaft, etwas investieren zu wollen, wo doch ein potenziell besserer Match gleich hinter dem nächsten swipe liegt.

Also: neues Land, neue Strategie.

Ich bin allein in die Schweiz gekommen und kenne kaum Leute außer meinen neuen Arbeitskollegen. Meine Arbeitszeiten lassen nur begrenzt Raum für umfassende Freizeitaktivitäten, bei denen man einen neuen Freundeskreis aufbauen könnte. „Na gut“, denke ich mir. „Ich gebe dir eine Chance, Tinder“. Immerhin habe ich schon Leute kennengelernt, die z.B. mittels der App ganz unverfänglich durch die USA getrampt sind. Ich treffe also Fritz, Peter, Samuel, Dominik und Roberto, die alle sympathisch wirken, aber kein übermäßiges Attraktivitätslevel für mich haben. Meine Erwartungen sind freundschaftlich mit einer klaren Positionierung: Erstmal das zwischenmenschliche reifen lassen, bevor man sich auf mehr einlässt. Alle finden das gut, außer Fritz, der zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist und, als es unbefriedigend für ihn läuft, sich nicht mehr meldet. Beim Treffen mit Peter merke ich, dass er noch zu sehr an seiner Ex hängt – eigentlich eine gute Voraussetzung für eine einfache Freundschaft und ohne Extras. Doch freundschaftliche Unternehmungsvorschläge finden keinen Anklang und kommen auch nicht zurück. Dominik bedankte sich nach dem ersten Treffen, wie toll er es fand und will sich unbedingt wieder sehen, doch ein paar Chatnachrichten später verliert auch er das Interesse.

Vielversprechend sieht es mit Samuel aus. 

Unternehmungslustig und wohnt gar nicht mal so weit weg. Als ich ihn nach ein paar Treffen frage, was er sich von Tinder erhofft, muss er darüber erst einmal nachdenken – oder traut sich nicht die Wahrheit zu sagen. Ich konfrontiere ihn offensiv mit meinen Gedankengängen, was vermutlich auch bei ihm zu Desinteresse geführt hat. Last but not least, Roberto. Nach einem holprigen Start im Chat ohne großartigen Gesprächsfluss, will er sich nun doch auf einen Kaffee treffen. Ich sage zu und erfahre im Laufe des Abends, dass er tatsächlich eine Beziehung sucht! Der erste Mann auf Tinder, der das mir gegenüber offen zugibt, wohoo. Aber meine Mission heißt Freundschaft, denn was bleibt mir als Schweiz-Neuling ohne feste Kreise vor Ort, wenn die Beziehung in die Brüche geht oder Er es sich vorher doch spontan anders überlegt? Die Sache erledigt sich von selbst, als er mir ohne Erlaubnis und Signalsendung zu nahe kommt.

Spreche ich Chinesisch?

Ich fühle mich leer und leidenschaftslos. Ein plötzlicher Kuss ruft nicht mehr die übliche schöne Aufregung in mir hervor, welche ich eigentlich sehr gern spüre. Ein Treffen mit einer Freundin aus der alten Heimat bringt hingegen die ersehnte Freude und Wärme im Herzen. Und ich frage mich: Können Frauen und Männer wirklich nicht befreundet sein? Es ist wieder einmal Zeit für Tinder-Detoxing.

*****

Ein postverliebtes Dankeschön an Marie

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Marie hat „irgendwas mit Medien“ studiert und, weil sie sich nicht entscheiden konnte, in Multimedia obendrein spezialisiert. Da Bilder mehr als 1000 Worte sagen, findet man Marie derzeit am aktivsten auf Instagram mit einer täglichen Dosis land- und cityscapes aus der Schweiz und der Welt.

Ein Kommentar zu „Tinder & Freundschaft: Ein Versuch.

  1. Ja, so schnell geht das mit den Tinderdateanzahl… 6 oder 7 zur Auswahl, da hat man ja schon mehrere hundert aussortiert und dann sortieren sich die Herren selbst noch einmal aus, ob beim Date oder schon beim Schreiben vorher sei dahingestellt… Die Herren liken ja zumeist, bis sie keine likes mehr zur Verfügung haben *kopf-kratz* ob das so sinnvoll ist?! Aber anscheinend suchen sich die Frauen auch im Netz den Partner und nicht umgekehrt *zwinker* aber wer kein Onlinedating macht, der weiß nicht, wie schnell man auf viele potentielle Kandidaten trifft, die man dann mühselig aussortieren muss, um eine erlesene Auswahl zu haben, um aus der wählen zu können 🙂 ich drück dir weiterhin die Daumen!

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