Postkartonale Umzugskolumne

Von Stummfischen und Wasserfällen.

Ich möchte meinen Wecker umbringen, als er mich um 4Uhr morgens allen Ernstes aus dem Schlaf reißt, von dem ich aktuell soweiso schon so wenig bekomme. Ich weiß, dass der Grund des Aufstehens ein unfassbar guter ist, aber dennoch kostet es mächtig Überwindung und ich kann Lauri nur unendlich dankbar sein, dass ich bei ihr übernachten durfte, denn andernfalls hätte ich noch zeitiger raus gemusst.

Nur minder erholt komme ich um 11Uhr in Berlin an. Nun geht es richtig los. Hallo WG-Casting!

Meinen ersten Termin kann ich recht entspannt angehen. Das Mädchen, welches ich besuche, ist zeitlich recht locker eingestellt und so mache ich mich ebenso beruhigt auf den Weg. Angekommen in Neukölln werde ich, wie von der bisherigen Konversation erwartet, herzlich empfangen. Die Wohnung liegt in einem Hinterhof. Im dritten Stock angekommen, betreten wir eine schöne Altbauwohnung mit hohen Decken und komfortabel geschnittenen Zimmern. Hier gefällt es mir:) Und auch das Gespräch verläuft sehr angenehm. Meine potentielle Mitbewohnerin steht mit beiden Beinen im Berufsleben, reist gerne und scheint einen guten Sinn für Gemeinschaft zu haben. Wir reden über eine Stunde und können uns nach diesem gelungenen Kennenlernen glaub beide gut vorstellen, miteinander zu wohnen.

Positivst gestimmt geht die Reise weiter. Nachdem ich mein Gespäck am Alex eingeschlossen habe, mache ich mich auf den Weg nach Spindlersfeld. Ja, Spindlersfeld gehört auch noch zu Berlin, liegt ziemlich im Osten und gefühlt, wie auch auf der Karte, unfassbar außerhalb. Ich steige mit gemischten Gefühlen aus der Bahn und betrete sogleich WG Nummer zwei. Auch dieses wäre eine Zweier-WG, diesmal mit einem 30-jährigen Herrn, der mich ebenso herzlich wie auch meine erste Begegnung in Neukölln begrüßt.

Leider muss dieser Besuch ein wenig Speed-Dating-mäßig verlaufen, denn nur 30 min später muss ich die S-Bahn erwischen. Das klappt jedoch ganz wundervoll, denn Mr. Spindlersfeld und ich verstehen uns auf Anhieb und reden wie die Wasserfälle aufeinander ein. Jedoch sind wir nicht die einzigen Wasserfälle. Auch draußen braut sich unterdessen einiges zusammen. Ich habe natürlich weder Regenjacke noch Schirm bei mir, bleibe aber noch optimistisch und lehne erst einmal ab, als mir ein Schirm von diesem wundervollen Typ (natürlich ist er vergeben;)) angeboten wird. Zum Glück besteht er jedoch auf diese Leihgabe (!) und drückt mir seinen Schirm vor dem Rausgehen in die Hand. Kaum habe ich die Haustür verlassen gießt es wie aus Eimern und ich bin umso dankbarer für die Herzlichkeit des soeben besuchten Herrn.

Eine Stunde später erreiche Zehlendorf. Hier wartet die dritte WG auf meinen Besuch. Naja. Oder auch nicht so ganz. Denn hier kommt nun die fast vermisste Freakshow. Inseriert wurde von der 22-Jährigen Mitbewohnerin, welche auszieht. Verweilen wird M., süße 19 Jahre alt mitsamt ihrem Zwergenhund. Halleluja. Verplant, dass 17 Uhr bereits ein weiterer Kandidat eingeladen ist, wird auch mir die Eintritt gewährt. M. zeigt keinerlei Interesse an ihren potentiellen, neuen Mitbewohnern. Stattdessen eilt sie durch die Wohnung und macht sich grad für ein baldigst anstehendes Essensdate fertig. Ich ersticke in einer Wolke Parfum und fühle mich wie im falschen Film. Was mich allerdings noch viel mehr irritiert als das Verhalten von M. ist der 30 Jährige, welcher offensichtlich weniger Probleme als ich in einem Einzug sieht. Ob er irgendwelche pädophilen Neigungen hegt oder doch eher eine Grasplantage besitzt, welche ihm durch jegliche Probleme hilft? Ich weiß es nicht. Ich möchte einfach nur weg und das tue ich auch vorzeitig.

Puh. Mal sehen, was mich nun erwartet. Lage und Größe des nächsten Zimmers sind der Wahnsinn. 10min vom Alex entfernt und 30qm Altbau, wenn das mal nicht perfekt ist? Ja. Und auch die beiden Jungs, welche sich als potentielle Mitbewohner vorstellen, erscheinen super nett. Wir quatschen sehr ausführlich und ich bin ein bisschen angetan von J., welcher Ähnlichkeiten mit Joko aufweist und auch noch überaus charmant grinsen kann. Tja, und wie das auch immer nur mir passieren kann: ich stelle nachträglich fest, dass er schwul ist. Wäre ja auch einfach zu viel gewesen und zudem keine gute Idee. WG-Mitglieder sollte man nicht vernaschen wollen.

Ich bin K.O., habe Hunger und auch nicht mehr wirklich Energie. Aber ein Zimmer muss noch. Auf nach Charlottenburg, auf zu S.!

Das hätte ich mir leider schenken können. S. kommt aus Hamburg und ist ein Vollblutnordlicht. Reden ist nicht so wirklich seins und mit seiner übertrieben tiefenentspannten Art zu reden macht er mich allein in diesen 30min unseres Kennenlernens wahnsinnig. Ich bin froh, als wir diesen Akt der künstlichen Höflichkeit beendet haben und ich eeendlich ins Bett fallen kann.

Bilanz: Berlin kann echt super nett. Ein bisschen „Daneben“ muss wohl immer.

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